Dahliengarten Gera zwischen 1928-1939
Bernd Böhme (Auszüge aus der Chronik des Dahliengartens Gera)           - beste Bildschirmauflösung. 1024x768
+ + + Geraer Dahliengarten entsteht auf alter Lehmgrube
Zum Zeitpunkt der Planung eines ausschließlich für Dahlien bestimmten öffentlichen
Garten in Gera war ein solcher in ganz Deutschland unbekannt. Es existierten lediglich Versuchsbeete der Deutschen Dahlien-Gesellschaft (gegr.1897) ...
Den Geraer Dahliengarten legte man auf einer teilweise verfüllten Lehmgrube nahe dem Stadtwald 1927/28 an. Man musste den als wilde Müllkippe genutzten ehemaligen Abbaubereich noch endgültig verfüllen und einplanieren, um eine große ebene Fläche zu erhalten auf der man in der neuen entstandenen Villengegend an der Waldstraße eine Gartenanlage anlegen konnte. Die aufgelassene Grube lag zwischen der damaligen Waldstraße (einst Hohenzollern-Allee), der Spörlstraße und dem Fahrweg am Martinsgrund, nahe der Straßenbahnendstelle Pöppeln (existent bis 1938).
Lehmgrube an der Waldstraße; viele Jahre als Mülldeponie genutzt
+ + + Planung und Realisierung eines öffentlichen städtischen Gartens
Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatte die Stadt Gera neben dem barocken Küchengarten, … nur noch einen kleinen Botanischen Garten… Der Textil- und Maschinenbaustadt fehlte ganz offensichtlich eine weitere "grüne Lunge", um seine Attraktivität auch in der Gartenkultur zu unterstreichen.
An der Waldstraße, in Richtung des neuen städtischen Waldkrankenhauses (erbaut 1913/19), wurden bereits zu Beginn des Jahrhunderts eine Anzahl großer Villen errichtet. Gleichzeitig erhöhte sich der Ausflugsverkehr in die nahen städtischen Wälder über die Waldstraße und zum neuen Krankenhaus.
Die an jener belebten Straße liegende, verlassene und oft als wilde Deponie genutzte, bis zum Eingang in den Martinsgrund reichende alte Lehmgrube bedurfte eigentlich schon lange dringend einer Sanierung, galt sie doch als ein unansehnliches Flächenstück vor dem schönen Stadtwald …
Es galt nun dringend, auch aus der Sicht des Verschönerungsvereins, die alte Lehmgrube gänzlich zu verfüllen und die mit Mutterboden abzudeckende Freifläche als "Eingangstor" zur Stadt aus Richtung Schleiz völlig neu zu gestalten …
In Gera sollte mit dieser neuen Gartenanlage der Fremdenverkehr belebt und die einheimische Gartenkultur erweitert werden …
Das Anliegen wurde günstig beeinflusst, da man im gleichen Jahr Mutterboden Aushubmassen für den im Stadtzentrum neu entstehenden Handelshof (Hochhaus) nach hier verbringen und somit die Bodenqualität für die neuen Pflanzen (Knollen) entscheidend verbessern konnte.
+ + + Ideen für die Nutzung der stadtauswärts liegenden Lehmgrube
Eine konkrete Anregung, wie man jene verfüllte Fläche nutzen könnte, kam von dem beim Textilunternehmer Schulenburg in seiner Villenanlage an der Waldstraße (später Medizinische Fachschule in der Straße des Friedens 120) beschäftigten Obergärtner Hermann A. Sandhack, Mitglied der Verschönerungskommission im Geraer Verkehrsverein. Er beschäftigte sich schon länger, außer mit Orchideen und Gladiolen, auch mit der Züchtung von Dahlien …

A. Sandhack, Dahlienzüchter und Fachbuchautor ("Dahlien und Gladiolen, ihre Beschreibung, Kultur und Züchtung" 1927 Berlin) kann somit als Ideengeber unseres heutigen Dahliengartens bezeichnet werden. Der Verschönerungsverein, eine dem Verkehrsverein e.V. angegliederte Organisation, griff unter seinem Vorsitzenden Dr. Heinrich Benthin den Gedanken Sandhacks auf und setzte sich für seine Verwirklichung besonders intensiv seit Herbst 1927 ein.

  + + +  Mitarbeit der Bad Köstritzer Dahlienzüchter am Projekt Dahliengarten
Die Bad Köstritzer Dahlienzüchter nahmen an dem Projekt Dahliengarten regen Anteil. In deren Folge schloss die Stadt Gera mit ihnen eine l0jährige Liefervereinbarung von Knollen als Pflanzgut ab. Die Köstritzer Gärtner waren schließlich bereit alljährlich das erforderlich neueste Pflanzgut für einen kleinen finanziellen Obolus bereitzustellen …
Zu jener Zeit arrangierten sich dafür Adolf Deegen (1871-1946), Inhaber der Fa. Max Deegen Bad Köstritz, Max Schade (1894-1967), Inhaber der Fa. Johann Sieckmann in Pohlitz und Paul Panzer (1877-1957), Inhaber der Fa. Paul Panzer hinter dem Kurhaus zu Bad Köstritz. Aber auch andere Gärtnereien wurde in die Belieferung einbezogen. 
Max Schade 1894-1967, Inhaber der Firma Firma Johann Sieckmann in Pohlitz
 
Paul Panzer 1877-1957, Inhaber der Fa. Paul Panzer hinter dem Kurhaus zu Bad Köstritz
 
Adolf Deegen 1871-1946, Inhaber der Fa. Max Deegen Bad Köstritz
+ + +  Baumaßnahmen am Dahlien Garten Gera
Nachdem der Entwurf des Gartenprojektes vom Geraer Gartenbaumeister (auch als Gartenbauinspektor bezeichnet) Ferdinand Combecher bestätigt worden ist und die Stadt für den Erstausbau des Gartens 5 000 RM zur Verfügung gestellt hatte, konnte man mit den Baumaßnahmen beginnen.
Der Garten besaß eine Gesamtfläche von 11 600 m², davon waren 2 600 m² als Wege ausgewiesen. Ein breiter Busch- und Gehölzstreifen umrahmte die 32 Blumen-Beete als Schutz gegen Straßenstaub an der Waldstraße und in seiner süd/süd-östlichen Begrenzung als eine Vogelschutzgehölzanlage. Für letztere Anpflanzungen setzte sich besonders Oberförster Thomas von der Stadt ein.
In der wirtschaftlich schwierigen Zeit während der zweiten Hälfte der 20iger Jahre war man für die Realisierung des Vorhabens auch sehr auf Spenden und freiwillige Hilfen von Geraer Firmen angewiesen, die auch dankenswerterweise erfolgten …
Einweihung des Dahliengartens durch Oberbaurat Luthardt  am 1. September 1928
+ + +  Eröffnung des Geraer Dahliengartens 1928
Mit den Aushubmassen für den neuen "Handelshof" in der Geraer Schlossstrasse im Frühjahr 1928 wurde das "Restloch" der einstigen Lehmgrube verfüllt, so dass halbseitig ein ebener Garten darauf angelegt werden konnte ...
Am 1. September 1928 war es schließlich so weit, dass der neue Dahliengarten halbseitig eingeweiht werden konnte. Die Weihereden hielten im Auftrag des Geraer Oberbürgermeisters Walter Arnold (1882-1933) sein Oberbaurat Wilhelm Luthardt (1874-1944) und für den Verschönerungsverein sprach Dr. Benthin. Die Feierstunde wurde entsprechend der städtischen Finanzlage in einem bescheidenen Rahmen gehalten. Nachmittags ab 15 Uhr spielte die Kapelle Albert zur Unterhaltung des zahlreich erschienenen Publikums.
Hervorzuheben sind aus der ersten Anpflanzung Sandhacks Schmuckdahlie "Gunhilde Schulenburg" und vor allem Adolf Deegens niedrige purpurfarbene Kaktusdahlien namens "Purpurzwerg" … Im Spätsommer 1928 wurde die erste Postkarte vom neuen Dahliengarten durch die Hofkunstanstalt Löffler & Co in Greiz herausgebracht …
.
  Dahliengarten im Spätsommer 1929
+ + +  Anlage des Brunnens im Dahliengarten
In den zwei Jahren nach der Eröffnung erfolgten noch weitere Ergänzungen in der Gartenanlage, die bis heute fast unverändert sein Äußeres prägen.
Eine bedeutende Spende leistete die Fa. Max Biermann AG im Jahr 1928 anlässlich ihres 50jährigen Bestehen am 1. November. Die Firma unterhielt am Johannisplatz ein großes, damals das größte Textilkaufhaus Ostthüringens in Gera (Kaufhaus und Inhaber wurden als jüdische Mitbürger Opfer des Naziregimes). Für eine auf das Rondell im Dahliengarten vorgesehene Brunnenanlage stellten sie 5000 RM bereit. Daraufhin brachte die Stadt das Projekt zum Entwurf einer Brunnenanlage zur öffentlichen Ausschreibung.
Die eingesandten Entwürfe für die neue Brunnenanlage stellte man vom 20. bis 28. März 1929 im Stadtratssitzungssaal zur Besichtigung aus. Man entschied sich für den Entwurf des Bauhausarchitekten Tilo Schoder, der einer stilisierten Dahlie nachempfunden war …
Der von der Firma Lage, Schilling & Co. Gera in Eisenbeton gegossene Brunnen kostete insgesamt ca. 13 000 RM und wurde im Mai eingeweiht…
.
Unter den eingereichten Entwürfen befand sich auch der Entwurf einer stilisierten Dahlie des Bauhausarchitekten Tilo SCHODER. Man entschied sich für diesen Entwurf.
Brunnen-Entwurf Juni 1929 von Tilo Schoder Postkarte vom Dahliengarten im Spätsommer 1928 (ohne Brunnen) Realisierter Brunnen 1930
+ + + Einführung eines Schönheitswettbewerb für die Dahlien
Um die Wirksamkeit für die Dahlie als schönste Herbstblume zu erhöhen, entschied man sich, auch im Dahliengarten einen Schönheitswettbewerb für die Blumen an einem vorbestimmten Sonntag Anfang September einzuführen. Solche Blumenpräsentation gab es in Bad Köstritz auf den Sälen der Hotels "Goldener Löwe" und "Goldener Kranich" schon seit vielen Jahren …
Eine Besonderheit stellten Adolf Deegens niedrige Dahlien dar, die sich auch als Topfdahlien eigneten und von den Landschaftsgärtnern als Zwerg-Gruppen und Rabatten angepflanzt werden konnten …
Brunnen, Herbst 2002 Brunnenanlage 1934
+ + + Dahlientag: „Sonntag der Dahlie“
Der Dahlientag, auch "Sonntag der Dahlie" genannt, fand in Gera 1931 am 13. September erstmals statt (Werbetag für Dahlien). Man registrierte über 1800 Besucher an diesem Tag, der am Vormittag von der städtischen Kapelle und am Nachmittag durch eine Kapelle eines Geraer Turnvereins musikalisch umrahmt wurde. Von den 10 Pfennig Eintrittsgeld und dem Verkauf von kleinen Dahliensträußen konnte man am Ende einen Erlös von 243 Mark verbuchen. Dies erlaubte dem Verein, den noch bei der Stadtbank registrierten Kreditbetrag von 218 Mark völlig zu tilgen.
1932 umrahmten die Blumenschau am Dahlientag (18.9.) der Musikverein "Harmonie" und die Kapelle des Turnvereins Pforten. Etwa 2 000 Besucher beteiligten sich an der Wahl der "Schönsten Dahlie".

Am 17. September 1933 zum "Dahlientag" bewunderte man Deegens Zwergdahlien, die die große Rasenfläche einsäumten und etwa 40 Zentimeter hoch waren. Blumen - Dahlienkönigin wurde die "Försterchristel".

1934, am 9. September, spielte zum Dahlientag die SA-Standarten-Kapelle 236 unter MZF Ernst Albert und am Nachmittag SA-Standarten-Kapelle 47 unter MZF Paul Kurze …
Als attraktive Dahlien standen "Reichsstadthalter Sauckel", "Rektor Fieseler" und "Junges Thüringen" ganz hoch in der Gunst des Publikums. Erstere machte schließlich das Rennen für 1934 …

1935 wurden 1500 Stimmen am 15.9. zum "Dahlientag"  für

die Dahlienwahl abgegeben. 665 Stimmen erhielt die purpurviolette "Thomas E. Edison", 335 wählten "Sonnenstrahlen" als ihren Favoriten und 280 Stimmen kamen auf "Laetare". Kapellmeister Ernst Albert führte den Musikzug der ,,SA-Standarte 153". Viele gestiftete Preise kamen zur Verlosung …
1936 besuchten am "Dahlientag" (13.9.) bereits ca. 3 000 Bürger den Dahliengarten und 2500 beteiligten sich an der Wahl - "Laetare" wurde zur schönsten Dahlie gewählt…

Zum großen Stadtjubiläum "700 Jahre Gera" im Sommer 1937 war der Dahliengarten eine Attraktion. Eine Vielzahl von Postkarten brachten das Bild des neuen Ostthüringer Dahliengartens in weite Teile Deutschlands. Der "Dahlientag" fand in der Festwoche der "700-Jahr-Feier" am 29. August statt …
Ein Jahr nach der Jubiläumswoche in Gera war der Besuch des Dahliengartens
1938 (verregneter Sonntag am 4. 9.) wesentlich bescheidener. Man sollte aber nicht unerwähnt lassen, dass am Dahlientag sogar ein Sonderbus aus Leipzig mit Dahlieninteressierten hier eintraf

1939 bepflanzte man die 32 Beete im Dahliengarten wohl letztmalig. Der von Schoder entworfene und von Biermann maßgeblich gestiftete Brunnen war als "Judenbrunnen" in die öffentliche Kritik geraten … Er sollte nach einer Geraer Ratsherrensitzung am 27. Juli beseitigt werden. Der Stadt fehlten aber die Mittel für einen geeigneten Ersatz und so nahm man davon wieder Abstand …

.
Deegens Neuzüchtungen: "Frau Elisabeth Deegen", "Purpurzwerg", "Vollblut" Deegens Schmuckdahlie 1928 "Paradiesvogel" Kaktusdahlie "Frau Elisabeth Deegen" Balldahlie 1910
+ + +  Dahliengarten in der Kriegs- und Nachkriegszeit
Ab etwa 1941 wurde für das städtische Krankenhaus auf den Beeten Kartoffeln und Gemüse angebaut, eine Festlegung der Stadt für alle öffentlichen Gartenanlagen zur Milderung der eingetretenen schlechten Wirtschaftssituation.
Dahlienzüchter Max Schade beteiligte sich aber mit seinen eigenen Neuzüchtungen und Neueinführungen von Dahlien nachweislich bis
1942 weiterhin an Sortenprüfungen der Deutschen Dahlien-Gesellschaft (DDG) …

Viele Dahliensorten gingen bei Gärtnern und Liebhabern während der Kriegsjahre verloren…
Ab
1945 vergab man dann einzelne Beete als Grabgarten an vertriebene Umsiedler aus Schlesien oder dem Sudetenland, damit sie die enormen Versorgungsengpässe selbst überbrücken helfen konnten. … Diese Situation änderte sich erst wieder mit der Gründung der DDR im Herbst 1949. Anfang 1950 entschloss sich der Stadtrat Geras, den Dahliengarten neu zu beleben und wieder mit Blumen, den Dahlien, zu bepflanzen.
Im Frühjahr 1948 kultivierte der Gartenbaubetrieb Schade in Bad Köstritz-Pohlitz bereits wieder 31 verschiedene Dahliensorten. Im Verkauf wurden die billigsten Sorten mit 0,40 RM (z.B.: Perlhuhn, Neu Strelitz) andere für 0,80 RM (z.B.: Reußisches Nizza, Sieckmanns Feuerball) und als teuerste Dahlienknollen mit 3,00 RM (z.B.: Monarch of the East, Sommerlachen) angeboten.

.
Sommer 1944, Kinderspielplatz; im Hintergrund - statt Dahlien Gemüseanbau ... Dahliengarten um 1935
zurück zur Startseite Geraer Dahliengarten           zurück zur Seite Chronik 1928-1938
 
PM 12/05